Stiftsbibliothek St. Gallen
Stiftsbibliothek St. Gallen

Forschungsgeschichte

Forschung in der Stiftsbibliothek St.Gallen ist primär Forschung an den Handschriften. Die Grundlage dieser Tätigkeit bildet der Handschriftenkatalog. Der Anfang der Forschungsgeschichte kann mithin in der Entstehung der ersten Handschriftenverzeichnisse gesehen werden. Der erste Katalog überhaupt, das breviarium librorum , wurde um 850/60 geschrieben und zeugt vom Willen, das hier gesammelte Wissen zu ordnen, zu gliedern und auf diese Weise zugänglich zu machen. Zwar wurde dieser heute noch erhaltene Katalog nicht für ein wissenschaftliches Publikum von heute geschrieben, dessen ungeachtet bildet er für die gegenwärtige Forschung eines der wichtigsten Instrumente zur Rekonstruktion der Bestände der Stiftsbibliothek und ist somit selbst Ausgangspunkt vielfältiger Untersuchungen geworden.

Die neuzeitliche Geschichte der Erforschung der Sanktgaller Handschriften ist verknüpft mit den Einzelleistungen verschiedener Bibliothekare, denen nicht nur das Bewahren der Schätze, sondern auch deren Erschliessung am Herzen lag. Zu dieser Tätigkeit gehörte in der Regel auch das Verfassen eines Handschriftenkataloges, den Bedürfnissen und dem Wissen der Zeit entsprechend. An dieser Stelle sollen einige der wichtigsten und zum Teil auch heute noch konsultierten Werke vorgestellt werden:

Pater Hermann Schenk (1653 - 1706)
Er war einer der ersten Stiftsbibliothekare, der auch wissenschaftlich tätig war. Mehrfach ins Amt des Stiftsbibliothekars berufen, belieferte er etwa die Bollandisten mit Auskünften oder betreute den Franzosen Jean Mabillon, der 1683 die Schweizer Benediktinerklöster besuchte. Dieser Verbindung und dem daraus hervorgegangenen Briefwechsel verdankte Hermann Schenk einen grossen Teil seines Wissens um die historisch-kritische Geschichtsschreibung und die zeitgenössische Handschriftenkunde. Um 1700 ging aus seiner Bemühung um die Wissenschaft ein Handschriftenkatalog hervor, der heute als Cod. Sang. 1280 in der Stiftsbibliothek St.Gallen aufbewahrt wird. Er ist kein beschreibendes Verzeichnis, sondern eine Art Kurzinventar, welches unter 1152 Nummern Verfasser, Titel und Initien aufführt, um die Vielzahl an Texten leichter zugänglich zu machen.

Pater Pius Kolb (1712 - 1762)
Der erste, der nicht nur ein Inventar der Handschriften verfasste, sondern ein beschreibendes Verzeichnis herstellte, war Pater Pius Kolb, der bekannteste Stiftsbibliothekar des 18. Jahrhunderts. Er versah die Handschriften um 1750 mit neuen Signaturen, die den Standort angaben und somit einfacher waren als die bisherigen. Der Neusignierung folgte die Neukatalogisierung. In den Handschriften Nr. 1281 und 1282 liegt die erste Fassung von Pius Kolbs Katalog vor, der vorab für den klosterinternen Gebrauch bestimmt war. Trotzdem handelt es sich um ein Werk, das sich auf dem Stand der Zeit hielt und von Forschern aus dem In- und Ausland konsultiert wurde. Das Ansehen des Katalogwerkes und damit auch des Stiftsbibliothekars verbreitete sich derart, dass ihm die neu gegründete Bayerische Akademie die Drucklegung des Verzeichnisses in Aussicht stellte. Daraufhin erarbeitete Pius Kolb zwar eine bereinigte Fassung (Handschriften Nr. 1400 und 1401), mit der Drucklegung aber hielt er sich zurück, da er einige Handschriften übergangen hatte und die Klosteroberen ihre kostbare Sammlung nicht allzu bekannt machen wollten. Der Fortschritt dieses Kataloges besteht darin, dass die Handschriften erstmals kritisch beschrieben sind. Es wird der Versuch unternommen, den Verfasser zu identifizieren und die Manuskripte ins Umfeld der Entstehung der Texte und der Abschriften einzubetten. Daneben sind Beschreibstoff und Formate notiert, und es wird eine möglichst genaue Datierung vorgenommen.

Pater Ildefons von Arx (1755 - 1833)
Er ordnete 1780 als junger Unterbibliothekar mit Pater Nepomuk Hauntinger die Handschriften nach dem numerus currens in inhaltlichen Gruppen, die auch heute noch gültig sind. Ildefons von Arx, der Verfasser der ersten Geschichte des Kantons St.Gallen und Mitarbeiter an den Monumenta Germaniae Historica, wurde erst 1827 zum Stiftsbibliothekar ernannt, nachdem die Abtei 1805 aufgehoben worden war. Einen Grossteil seines Wissens erarbeitete er sich durch die systematische Durchsicht der Handschriften. Von dieser Arbeit zeugen heute noch Kommentare und Kollationierungen auf einer ganzen Reihe von Vorsatzblättern. Sein Handschriftenkatalog aus dem Jahr 1827 steht heute als Cod. Sang. 1402 in der Manuskriptsammlung. Ein vorgedrucktes Schema zieht sich als Einrichtung über zwei nebeneinanderliegende Seiten hin und bot dem Katalogverfasser die folgenden Rubriken, deren Überschriften ebenfalls vorgedruckt wurden: numerus codicis / aetas saeculum / forma libri et numerus antiquus / author, titulus, vel argumentum codicis / initium textus vel primae lineae / numerus ultimae paginae / scriptor, scriptura, materia, ligatura, possessor, eruditioni servitura. Obwohl heute in vielem bessere und genauere Erkenntnisse vorliegen, ist der Von Arx'sche Katalog in seiner Materialfülle kaum zu überbieten. Und was keinem st.gallischen Handschriftenkatalog vorher widerfahren war, erlebte dieser: eine - wenn auch sehr verkürzte - Drucklegung. Gustav Hänel veröffentlichte 1830 eine aufs Wesentliche reduzierte Fassung desselben.

Gustav Scherrer (1816 - 1892)
Im Jahre 1875 veröffentlichte der Katholische Administrationsrat ein Verzeichnis aller Handschriften, deren Zahl zu diesem Zeitpunkt bereits auf 1725 angewachsen war. Gustav Scherrer war der erste Handschriftenkatalogisator, der weder Stiftsbibliothekar noch Priester noch Katholik war. In seinem bis heute gültigen Standardwerk sind alle Handschriften erstmals in deutscher Sprache beschrieben und in mehreren ausführlichen Registern auf fast 150 Seiten im Anhang des Bandes erschlossen. Diese Register sind oftmals inhaltsreicher als die Beschreibungen. Die handschriftliche Fassung des Katalogs von Gustav Scherrer umfasst vier Bände (Handschriften Nrn. 2001-2004). Die Beschreibungen sind - mit Ausnahme der Handschriften mit Nummern über 1100 - umfang- und inhaltsreicher als jene des gedruckten Bandes. Mehr Informationen zur Geschichte der Katalogisierung bieten das Vorwort des Handschriftenkatalogs zu den Nummern 1726-1984 und das entsprechende Kapitel im Ausstellungskatalog "Geschichte und Hagiographie in Sanktgaller Handschriften".